Antike befragen
Immer neue Rekorde bei den Besuchszahlen von Stätten wie Pompeji oder Ephesos, Streamingserien über den von Anthony Hopkins verkörperten Kaiser Vespasian, oder auch Social Media-Trends zu der Frage, wie oft man(n) an das Römische Reich denkt: Das Interesse einer breiten Öffentlichkeit an der sogenannten ›klassischen‹ Antike ist ungebrochen. Dem steht gegenüber, dass durch die kontinuierliche Spezialisierung archäologischer Forschung die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu diesen Epochen an Komplexität gewinnt. Der dadurch entstehende Graben bietet – nicht nur theoretisch – großzügigen Raum für die ideologische Instrumentalisierung der Vergangenheit. Um ihm entgegenzuwirken, ist eine enge Vernetzung von öffentlichem Interesse und akademischer Forschung nötig.
Eben dieses Ziel verfolgt das Projekt »Antike befragen«. In der Überzeugung, dass gerade durch die möglichst ideologiefreie Betrachtung vergangener Gesellschaften neue Perspektiven auf die Gegenwart entstehen, bietet es eine zukunftsorientierte Plattform, in deren Rahmen Wissenschaftler:innen und Interessierte gemeinsam Anknüpfungspunkte zwischen archäologischer Forschung und aktuellen gesellschaftlichen Debatten identifizieren und diskutieren.
Das Ziel des Projektes wird in mehreren Etappen verfolgt. Den ersten Schritt bildet eine Online-Befragung, die spezielle thematische Interessen an der griechisch-römischen Antike in einem möglichst breit gefächerten Publikum auslotet. Die Ergebnisse dieser Befragung dienen als Grundlage für die Formulierung thematischer Schwerpunkte und Leitfragen für eine zweitägige Veranstaltung, in der entsprechende Expert:innen die jeweiligen Themenkreise in partizipativen Formaten vorstellen und die Leitfragen zur Diskussion stellen. In einem anschließenden Schritt werden die Ergebnisse ausgewählter Formate an öffentlich zugänglichen Orten und Objekten – etwa an thematisch passenden Exponaten archäologischer Universitätssammlungen – implementiert und der Diskurs damit fortgesetzt.
Die Umfrage lief vom 23. Februar 2026 bis zum 31. März 2026. Erste Fragen und Antworten werden auf dieser Seite sowie auf dem Instagram-Account antikebefragen veröffentlicht.
Die Veranstaltung wird am 7. und 8. November 2026 in den Räumlichkeiten des P26 (Poststraße 26) sowie der Abteilung für Klassische Archäologie (Römerstraße 164) der Universität Bonn stattfinden. Sie richtet sich sowohl an Fachkolleg:innen als auch an alle, die an der Antike interessiert sind. Nähere Informationen sowie das Programm folgen.
Das Projekt wird gefördert durch das Förderprogramm STEP der Universität Bonn.
Fragen und Antworten
Felix Pirson (Erster Direktor der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts) und Paul Scheding (Erster Direktor der Abteilung Madrid des Deutschen Archäologischen Instituts) antworten:
»Ja, Archäologie ist politisch. Ihre politische Rolle beginnt bei alltäglichen Aushandlungsprozessen wie etwa der Erteilung von Baugenehmigungen und reicht bis zur Konstruktion von Identitäten im nationalen und internationalen Kontext. Einerseits wird die Expertise von Archäologinnen und Archäologen angefragt, andererseits liefert die Archäologie historische Narrative, deren politische Relevanz bis in die Gegenwart reicht. Rückgabeforderungen von antiken Objekten wie Teilen des Parthenon-Frieses sind Gegenstand politischer Debatten von internationalem Ausmaß.
Archäologie ist auch wegen ihrer wirtschaftlichen Relevanz politisch. In vielen Ländern ist der einnahmenstarke Kulturtourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Archäologie schafft und gestaltet in Form von Ausgrabungsstätten und Museen die Grundlagen dafür. Archäologinnen und Archäologen entscheiden (mit) darüber, wie Objekte und Ausgrabungsstätten präsentiert werden. Dabei ist vor allem die Bereitschaft zu mehr oder weniger Rekonstruktion Ausdruck des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Interesses an der Vergangenheit. Hier können Konflikte zwischen dem puristischen Bewahren und einer möglichst attraktiven Aufbereitung entstehen.
Die Archäologie beschäftigt sich mit Vorgängen in der Vergangenheit, deren Relevanz bis in die Gegenwart reicht. Die Erforschung von Migration oder Mensch-Umwelt-Interaktion sind nur zwei Beispiele dafür. Archäologie sollte stärker versuchen, dieses Wissen so aufzubereiten, dass es für Politiker und politische Entscheidungsträgerinnen verständlich und vor allem nutzbar ist. Dies ist ein entscheidender Faktor für die zukünftige gesellschaftliche Relevanz von Archäologie.
Diese Aspekte spielen nicht nur im nationalen Kontext eine Rolle. Werden Archäologinnen und Archäologen im Ausland tätig, stoßen häufig eigene Wertmaßstäbe auf fremde Realitäten oder umgekehrt. Daraus können Konflikte entstehen, aber auch eine Relativierung eigener Standpunkte und ein Verständnis für andere Realitäten. Es liegt ein wesentliches Potenzial in der internationalen Archäologie neue Deutungshorizonte aufzuzeigen.
Gerade die im Ausland arbeitenden Kolleginnen und Kollegen erleben hautnah, wie archäologische Stätten und Artefakte zur Bildung von lokalen, regionalen und nationalen Identitäten genutzt und politisch instrumentalisiert werden können. Vermeintliche kulturelle Kontinuitäten dienen dazu, in politischen Diskursen strikte Grenzen zu ziehen oder territoriale Ansprüche zu untermauern. Die Archäologie hat hier die Aufgabe, ihre Forschungsergebnisse differenziert darzustellen und facettenreiche Darstellungsformen zu wählen. Gleichzeitig besitzt die Archäologie auch die Möglichkeit, auf Basis wissenschaftlich begründeter Schlussfolgerungen klar Stellung in politischen Debatten zu beziehen, insbesondere dort, wo Befunde eindimensional interpretiert und von der Politik künstlich mit Bedeutung aufgeladen werden.«
Kristina Junker (Akademische Rätin auf Zeit am Institut für Klassische Archäologie der LMU München) antwortet:
»Eine neue Ausgrabungsstätte sucht man nicht einfach danach aus, wo besonders spektakuläre Funde zu erwarten sind. Am Anfang stehen meist antike Schriftquellen, frühere Forschungen von Kolleginnen und Kollegen und natürlich die eigenen wissenschaftlichen Fragen: Was wissen wir über einen Ort noch nicht? Welche neuen Methoden könnten uns helfen, seine Geschichte besser zu verstehen?
Bei Projekten im Ausland ist für mich aber noch etwas anderes entscheidend: die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. Eine Grabung dauert häufig viele Jahre und kann nur gelingen, wenn man seinen lokalen Kooperationspartnerinnen und -partnern vertraut, sich gegenseitig respektiert und wissenschaftliche Entscheidungen gemeinsam trifft. Deshalb ist auch wichtig, ob man sich an einem Ort wohl und willkommen fühlt und ob aus einer ersten Begegnung eine langfristige Zusammenarbeit entstehen kann.
Archäologie ist keine Reise einzelner Forschender in eine vermeintlich fremde Vergangenheit. Sie ist Teamarbeit über Länder, Sprachen und Fachgrenzen hinweg. Am Ende geht es darum, das kulturelle Erbe der Menschheit gemeinsam zu erhalten, neu zu erforschen und immer wieder neu zu interpretieren und zu diskutieren.
Dabei verändern nicht nur wir den Blick auf einen archäologischen Ort, auch die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, verändern unsere Fragen und unsere Sicht auf die Vergangenheit.
So erlebe ich es gerade in der ägyptischen Oase Siwa. Dort ist aus dem gemeinsamen wissenschaftlichen Interesse an einem außergewöhnlichen antiken Heiligtum eine enge Zusammenarbeit mit den örtlichen Kolleginnen und Kollegen entstanden. Unser Projekt ist kein Vorhaben über einen ägyptischen Ort, sondern ein gemeinsames Projekt, das Forschung, Dokumentation, Ausbildung und den Schutz des Denkmals miteinander verbindet.«
Mariachiara Franceschini (Akademische Rätin auf Zeit an der Abteilung für Klassische Archäologie der Universität Freiburg) antwortet:
»Ich erinnere mich noch an meinen ersten Fund, als wäre es gestern gewesen. Ich war in Orvieto, bei meiner ersten Grabung als Studentin. Plötzlich lag in meinen Händen ein kleines Fragment einer Terrakotta-Verkleidungsplatte, die einst die Holzbalken des Daches eines etruskischen, archaischen Gebäudes schmückte. Zu erkennen waren ein Teil eines Pferdes und die Beine eines Reiters. An sich ein unspektakuläres Stück. Seine wissenschaftliche Bedeutung war dagegen immens, denn das kleine Fragment könnte ein Hinweis auf ältere Strukturen sein. Ich war überglücklich: Dieses kleine Stück könnte dabei helfen, ein winziges Teil in das Puzzle der Vergangenheit einzufügen.
Dieses Gefühl – etwas Neues entdeckt zu haben und plötzlich zu denken: „Moment mal – das könnte etwas Besonderes sein!“ – habe ich noch oft erlebt. Aber die Entdeckung des monumentalen Tempels in Vulci war vielleicht einer der Höhepunkte. Nicht nur, weil solche Entdeckungen nicht jeden Tag passieren. Sondern vor allem, weil sie nicht aus reinem Glück entstanden ist.
Wir wollten die Stadt und ihre Struktur besser verstehen. Gemeinsam mit einem Team von Geophysikerinnen haben wir den Untergrund untersucht. Aus den geophysikalischen Messungen entstand ein Bild – und daraus eine Hypothese: Hier könnte sich ein Tempel befinden. Das war ein anderer Glücksmoment. Einer, der nicht aus dem Zufall des Findens entstand, sondern aus Erfahrung, Beobachtung, methodischem Vorgehen und vor allem aus der Zusammenarbeit vieler Menschen. Denn in der Archäologie geht es nicht nur darum, etwas Schönes oder Wertvolles zu finden. Es geht darum, Informationen über die Vergangenheit zu gewinnen und zu verstehen, was ein Fund bedeutet und welche Geschichte er erzählen kann. Der Kopf der Kore aus Vulci ist nicht nur eine schöne Skulptur. Er erzählt von den komplexen Kulturkontakten zwischen Griechenland und Etrurien und verbindet uns mit Menschen, die vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden gelebt haben.
Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Glück der Entdeckung: etwas gefunden zu haben, das uns die Vergangenheit ein kleines Stück näherbringt.«
Jens Notroff (Referent für Wissenschaftskommunikation an der Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts Berlin) antwortet:
»›Die Demagogen nun sind schuld daran, dass alles nach Volksbeschlüssen und nicht nach den Gesetzen entschieden wird, indem sie alles vors Volk ziehen.‹ – In Sachen Demokratie war Aristoteles (hier zitiert aus: Politik IV 4, 1292a) ein Skeptiker. Habe es die Macht dazu, beklagt er, führe das Volk sich auf wie ein Monarch und werde zum kollektiven Despoten. Dabei hatten die gut 150 Jahre zuvor in den Machtkonflikten nach dem Sturz der Peisistratiden-Tyrannis von Kleisthenes angestoßenen Reformen doch darauf gezielt, politische Macht eben gerade nicht länger exklusiv in den Händen einzelner Personen und aristokratischer Familien zu konzentrieren, sondern die Bürger stärker in Entscheidungen der pólis einzubeziehen (wobei „Bürger“ allerdings ansässige Fremde, Frauen und Sklaven nicht mitmeinte).
Aristoteles haderte nicht mit dem politischen Einfluss des Volkes selbst; vielmehr warnte er, dass dieser in unkontrollierter Herrschaft münden könne, wenn rhetorisch geschickte Redner, dēmagōgoí den Volkswillen lenkten, um eigene Interessen durchzusetzen. In der Tat legt er damit den Finger auf einen wunden Punkt, der auch in der jüngeren Geschichte gezeigt hat, dass Demokratien von innen heraus zu Fall gebracht werden können: Wie kann eine Demokratie verhindern, dass die ihr eigenen Freiheiten von Teilhabe und Mitbestimmung am Ende gegen sie gerichtet werden? Auch moderne Populisten verfolgen mit dem Anspruch, jenen eine Stimme zu geben, die im vermeintlich elitären Politikbetrieb sonst kein Gehör fänden, ein zunächst durchaus demokratisch klingendes Ziel. Zum Problem wird das, wenn die Instrumentalisierung von Enttäuschung, Unzufriedenheit und realer (oder gefühlter) Benachteiligung als Vorwand dient, institutionelle Beschränkung individuellen Machtstrebens kurzerhand zum Widerstand gegen diesen „Willen des Volkes“ zu erklären.
Mit der Vergabe von Ämtern durch Losverfahren, begrenzten Amtszeiten und Ämterrotation hatten die Athener im Laufe der Zeit durchaus eine Reihe von Mechanismen etabliert, um politische Macht zu verteilen und deren dauerhafte Konzentration bei einzelnen Personen zu erschweren. Die populistische Vereinnahmung öffentlicher Meinung allerdings machte (und macht) deutlich, dass politischer Einfluss nicht immer formale Ämter braucht. Als „ungebildet“ sollten wir dabei weder Populisten (im Gegenteil zeigen sie doch einiges rhetorisches Geschick) noch ihre Anhänger betrachten. Demokratische Bildung beginnt vielmehr mit dem Bewusstsein, dass politische Angelegenheiten uns alle angehen und eine Demokratie von der Beteiligung ihrer Bürger lebt. Das hatte die attische Demokratie radikal neu gedacht: sie war nicht einfach nur „Herrschaft des Volkes“, sondern verlieh dem dēmos die Macht, krátos, Herrschaft zu legitimieren, zu kontrollieren und vor allen Dingen auch selbst Entscheidungen zu treffen. Politische Beteiligung war nicht nur das Recht Athener Bürger, Bürgerschaft war mit der Erwartung aktiver Teilnahme an der pólis verbunden.
Die vielleicht naheliegendste Lehre aus der Antike mag also sein, dass Demokratie beides braucht: Teilhabe und institutionelle Begrenzung politischer Macht. Sie wird aber eben nicht allein durch Institutionen aufrechterhalten, sondern braucht das Engagement ihrer Bürger, politische Verantwortung wahrnehmen zu wollen und auch tatsächlich wahrzunehmen. Für Aristoteles, wenn wir ihn noch einmal bemühen wollen, ist der Mensch ein zōon politikón: ein in der Gemeinschaft politisch nicht nur handlungsfähiges, sondern seiner Natur nach handlungsberufenes Wesen. Wo Populismus davon zehrt, dass Menschen glauben, keine politische Wirksamkeit zu besitzen, sollte die demokratische Antwort darin bestehen, individuellen politischen Einfluss zu stärken – in lokalen Beteiligungsverfahren etwa, in öffentlichen Anhörungen und Abstimmungen, in Bürgerräten und mit Bürgerhaushalten. Wer Veränderung will, muss Verantwortung übernehmen. Wer mitbestimmen will, muss mitgestalten. Auch wenn das anstrengend ist.«
Léa Geisler (Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung Historische Bauforschung und Baudenkmalpflege der TU Berlin) antwortet:
»Bei der Frage, welches antike Bauwerk ich zurückbringen würde, um es gänzlich untersuchen zu können, fallen mir zunächst ein paar besonders bedeutende Einzelbauwerke ein, von denen heute nur noch wenige Überreste vorhanden sind. In der (archäologischen) Bauforschung ist das Bauwerk bzw. die erhaltene Bausubstanz die wichtigste Quelle für seine Erforschung, sodass bei einem sehr geringen Erhaltungszustand viele Fragen zu ihrer ursprünglichen Gestalt, ihrer Konstruktion und ihren Bautechniken ungeklärt bleiben. Ich denke da zum Beispiel an den Artemistempel in Ephesos oder den Leuchtturm von Alexandria. Beide Bauten zählen zu den Sieben Weltwundern der Antike und gelten als Meisterwerke antiker Architektur und Ingenieurbaukunst. Zahlreiche antike Autoren haben sie beschrieben, von ihrer Bausubstanz ist uns heute jedoch nur sehr wenig überliefert. Wären diese Bauwerke vollständig erhalten, könnte man ihre außergewöhnlichen konstruktiven und technischen Leistungen direkt am Bauwerk selbst untersuchen. Man würde den modernsten Stand der Technik ihrer Zeit vor sich haben, was uns einen tiefen Einblick in die technischen Höchstleistungen der Antike ermöglichen würde. Zudem könnten die überlieferten Beschreibungen der antiken Schriftquellen mit dem tatsächlichen Befund verglichen und überprüft werden.
Genauso spannend fände ich aber auch die vollständige Erhaltung eines viel weniger repräsentativen Bauwerks, zum Beispiel eines ganz gewöhnlichen antiken Wohnhauses. Ein solches Haus würde Einblicke in die alltägliche Architektur geben, die den Lebensalltag, die tatsächlichen Wohnbedingungen und Gewohnheiten der Menschen widerspiegelt. Besonders aufschlussreich wäre dabei ein Gebäude, das nicht nur in seinem ursprünglichen Zustand erhalten ist, sondern auch alle späteren Umbauten und Reparaturen über die gesamte Zeit seiner Nutzung zeigt. So ließe sich nachvollziehen, wie sich Bautechniken, Materialien und Bedürfnisse der Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg verändert und weiterentwickelt haben.«