Der Forumstempel und das Comitium von Paestum
Am römischen Forum von Paestum befindet sich einer der bedeutendsten Architekturkomplexe des republikanischen Italien: das Comitium mit angeschlossener Curia und der sogenannte Forumstempel. Beide Bauten prägen bis heute das Zentrum der antiken Stadt und beide stellen die Forschung vor grundlegende Fragen. Wann entstanden Forumstempel, Comitium und Curia? Wie verhielten sie sich zu älteren Strukturen der griechischen Agora? Und wie gestaltete die römische Kolonie ihren politischen und sakralen Mittelpunkt in einer Stadt, die bereits auf eine jahrhundertelange Geschichte zurückblickte?
Das Forschungsprojekt untersucht seit 2017 die Baugeschichte, Stratigraphie und architektonische Ausstattung des Areals neu. Im Mittelpunkt stehen der Forumstempel, das Comitium, die Curia, die Altarzone sowie ältere Baustrukturen unter und neben den römischen Monumenten. Durch Ausgrabungen, Bauaufnahme, Fundanalyse und digitale Dokumentationsverfahren entsteht ein neues Bild der Transformation von Poseidonia zu Paestum: Das römische Forum erscheint nicht als radikaler Neubeginn auf leerem Gelände, sondern als bewusste Überformung eines älteren, griechisch-lukanischen Stadtzentrums.
Seit 2026 wird das Projekt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert.
Paestum: eine Stadt zwischen griechischer Tradition und römischer Kolonie
Paestum wurde im späten 7. Jahrhundert v. Chr. als griechisches Poseidonia gegründet und entwickelte sich rasch zu einem bedeutenden urbanen Zentrum in Süditalien. Monumentale Tempel, Heiligtümer, eine weitläufige Agora und öffentliche Versammlungsbauten prägten das Stadtbild. Nach der lukanischen Phase wurde die Stadt 273 v. Chr. als römische Kolonie neu organisiert.
Gerade diese besondere Ausgangssituation macht Paestum für die Erforschung römischer Kolonisation außergewöhnlich interessant. Anders als bei einer Neugründung entstand die römische Kolonie in einer bereits seit Jahrhunderten bestehenden Stadt mit alten Kulten, etablierten sozialen Gruppen, gewachsenen Wegen, Heiligtümern und öffentlichen Gebäuden. Die römische Neugestaltung des Forums musste daher mit vorhandenen Strukturen umgehen: Sie konnte sie beseitigen, integrieren, umdeuten oder symbolisch neu besetzen.
An der Nordseite des Forums liegen zwei Bauten, die für das Verständnis der römischen Stadtanlage zentral sind: das Comitium und der Forumstempel. Das Comitium gehört zu den am besten erhaltenen Versammlungsbauten römischer Kolonien. Es bestand aus einem runden Stufenbau, der als politischer Versammlungsort diente, und war mit der Curia verbunden.
Der Forumstempel ist unmittelbar auf den Forumsplatz ausgerichtet. Sein Podium greift in das Stufenrund des Comitiums ein — eine architektonisch auffällige Lösung, die seit langem diskutiert wird. Hinzu kommt die ungewöhnliche Ausstattung des Tempels: Er verbindet dorische und korinthische Elemente und besaß korinthische Figuralkapitelle sowie einen reliefverzierten Metopen-Triglyphen-Fries. Aufgrund dieser Bauornamentik nimmt der Tempel eine Schlüsselstellung für die Erforschung mittel- und spätrepublikanischer Architektur in Italien ein.
Lange blieben jedoch entscheidende Fragen offen: Sind Tempel und Comitium gleichzeitig entstanden? Ist der Tempel älter oder jünger als das Comitium? Welche Vorgängerbauten bestimmten die Position der römischen Monumente? Und welche Rolle spielte die Erinnerung an die griechische Vergangenheit der Stadt?
Die Grabungskampagnen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Baugeschichte des Areals komplexer ist als lange angenommen. Unter und neben den römischen Monumentalbauten konnten ältere Strukturen, Laufhorizonte, Fundamentlagen, Drainagen und Wasserleitungen dokumentiert werden. Sie belegen, dass die römische Kolonie das Zentrum der Stadt nicht vollständig neu erfand, sondern auf vorhandene Architektur und ältere Raumordnungen reagierte.
Besonders wichtig ist der Nachweis eines archaischen Tuffkanals und einer zugehörigen Tuffsteinarchitektur im Bereich des Comitiums. Die verwendeten Blöcke bestehen aus grauem kampanischem Tuff, einem Material, das in Paestum für diese frühe Zeit bislang singulär ist. Die Befunde weisen auf eine ältere monumentale Architektur auf der Nordseite der Agora hin. Damit wird deutlich, dass die Standortwahl des späteren Comitiums und möglicherweise auch die gesamte Ordnung der Nordseite des Forums durch ältere Strukturen mitbestimmt wurde.
Auch die Altarzone vor dem Forumstempel zeigt mehrere Phasen. Der Altar besaß ursprünglich eine leicht abweichende Orientierung und wurde später an die Achsordnung des Forums angepasst. Zusammen mit der Freitreppe und dem Wasserbecken bildet er eine streng axial organisierte Zone, die auf eine bewusste Neuordnung des sakralen Raumes verweist.
Ein weiterer zentraler Befund betrifft das griechische Ekklesiasterion. Dieses Versammlungsgebäude der griechischen Stadt wurde nach seiner Aufgabe nicht einfach entsorgt. Vielmehr konnten zahlreiche Blöcke des Ekklesiasterions in den Fundamenten und Mauern des römischen Comitiums und der Curia nachgewiesen werden. Die Blöcke des älteren griechisch-lukanischen Versammlungsbaus bilden damit buchstäblich das Fundament des römischen politischen Zentrums.
Diese Wiederverwendung war nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern besitzt auch eine starke symbolische Dimension. Die römische Kolonie bezog sich sichtbar auf die politische Architektur der griechischen Stadt, überführte sie aber in eine neue institutionelle und städtebauliche Ordnung. Das Forum von Paestum wird so zu einem exemplarischen Ort, an dem sich Kontinuität, Bruch und Transformation archäologisch fassen lassen.
Forschungsfragen
Das Projekt untersucht die Entwicklung des Areals in mehreren ineinandergreifenden Perspektiven:
Wie veränderte sich das Zentrum der griechischen Stadt Poseidonia durch die Gründung der römischen Kolonie Paestum?
Welche älteren Strukturen bestimmten die Position von Comitium, Curia und Forumstempel?
Wie sind die Bauphasen des Forumstempels, des Comitiums und der Altarzone chronologisch einzuordnen?
Welche Rolle spielten Spolien, ältere Fundamente und vorhandene Wegeführungen bei der römischen Neugestaltung?
Wie lassen sich Architektur, Kult, Politik und Erinnerung im öffentlichen Raum der Kolonie zusammendenken?
Welche Bedeutung besitzt der Komplex für die Erforschung republikanischer Kolonialarchitektur in Italien?
Methoden
Das Projekt verbindet stratigraphische Ausgrabung, Bauforschung, Bauornamentik, Fundbearbeitung und digitale Dokumentation. Neben klassischen Grabungsmethoden werden Architekturteile systematisch aufgenommen, gezeichnet, fotografiert und dreidimensional dokumentiert. Structure-from-Motion-Modelle, Laserscans, georeferenzierte Pläne und digitale Rekonstruktionsansätze ermöglichen es, ältere Dokumentationen, neue Befunde und erhaltene Bauglieder präzise miteinander zu vergleichen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Bauornamentik des Forumstempels. Die erhaltenen Bauteile werden neu vermessen, beschrieben und digital erfasst. Dabei zeigen sich zahlreiche Details, die in älteren Rekonstruktionsvorschlägen nicht oder nur unzureichend berücksichtigt wurden. Die digitale Dokumentation eröffnet daher neue Perspektiven auf die Rekonstruktion des Tempels und auf seine Stellung innerhalb der republikanischen Architektur Italiens.
Forschung und Lehre
Die Arbeiten in Paestum sind zugleich ein zentrales Lehr- und Ausbildungsprojekt. Studierende erhalten im Rahmen der Kampagnen Einblick in alle wesentlichen Bereiche archäologischer Feldforschung: Ausgrabung, Vermessung, Befunddokumentation, Fundbearbeitung, Bauaufnahme, digitale Modellierung und wissenschaftliche Auswertung.
Bislang haben mehr als 70 Personen an den Kampagnen teilgenommen. Das Projekt versteht sich bewusst als Verbindung von aktueller Forschung und universitärer Ausbildung. Abschlussarbeiten zu Bauornamentik, Wasserversorgung, Metopenfries, digitalen 3D-Modellen und urbanistischer Entwicklung erweitern die wissenschaftliche Auswertung und fördern den archäologischen Nachwuchs.
Kooperation
Das Projekt wird von Prof. Dr. Jon Albers geleitet. Die stellvertretende Projektleitung liegt bei Claudia Widow M.A. an der Universität Bonn. Die Arbeiten erfolgen in enger Kooperation zwischen der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Bonn und dem Parco Archeologico di Paestum e Velia.
Die Bonner Klassische Archäologie ist insbesondere an der wissenschaftlichen Auswertung, der Bauornamentik, der digitalen Dokumentation, der Grabungsorganisation, der Lehre und der Nachwuchsförderung beteiligt. Die enge Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Park ermöglicht den Zugang zu Restaurierungswerkstatt, Fotolabor, Magazin und der lokalen Infrastruktur vor Ort.
Ausblick
Die bisherigen Ergebnisse eröffnen eine neue Perspektive auf das römische Forum von Paestum. Die kommenden Kampagnen werden die stratigraphischen Beziehungen zwischen Tempel, Comitium, Curia, Altarzone und älteren Vorgängerbauten weiter untersuchen. Besonders wichtig sind die Fortsetzung der Arbeiten am Tufffundament, weitere Tiefensondagen im Bereich des Comitiums und die Untersuchung der bislang weitgehend ungestörten Verfüllung des Tempelpodiums.
Ziel ist eine umfassende Neubewertung des gesamten Komplexes. Der Forumstempel und das Comitium von Paestum sollen damit nicht nur als Einzelmonumente verstanden werden, sondern als Teil eines langfristigen urbanen Transformationsprozesses: von der griechischen Polis über die lukanische Stadt bis zur römischen Kolonie.
- J. Albers – A. Bertelli – C. Widow – Th. Schapals – L. Eckhoff – N. Reß – J. Brenneke – C. Dohmen, A City in Transformation. From the Greek Ekklesiasterion to the Roman Comitium (Tagungsband der “Paestum Romana”-Tagung im September 2025, eingereicht)
- J. Albers – A. Bertelli – C. Haubenthal – L.L. Latzel – T. Schapals – M. Rimböck – B. Weissova – C. Widow, Der korinthisch-dorische Tempel und das Comitium am Forum von Paestum. Neue Forschungen und Resultate der Kampagnen 2017, 2019, 2021, Archäologischer Anzeiger 2025.1, 240–286
- J. Albers – A. Bertelli – C. Widow, Il Tempio Corinzio-Dorico e il Comizio di Paestum. Le campagne 2022/2023, in: M. Scafuro - L. Vecchio (Hrsg.), Gli spazi della città. Istituzioni, forme e funzioni. Dialoghi sull’Archeologia della Magna Grecia e del Mediterraneo. VIII Convegno Internazionale di Studi, Paestum 19.–21. Ottobre 2023 (Paestum 2025), 354–361
- J. Albers – C. Widow, Il comitium di Paestum dalle ricerche di Dinu Theodorescu ad oggi, in: E. Greco (Hrsg.), VI Convegno Internazionale, Paestum 2022, DialArchMed 2021, 97–109
- J. Albers – C. Widow, Il Tempio al Foro di Paestum, Nuovi Scavi 2019, in: E. Greco (Hrsg.), Fenomenologia e interpretazioni del rito. IV Convegno Internazionale, Paestum 2019, DialArchMed 2019.2, 23–31
- J. Albers – C. Widow – M. Rimböck – Th. Rafflenbeul, Der korinthisch-dorische Tempel am Forum von Paestum. Die Grabungskampagne 2019, KuBA 8, 2019, 53–64
- J. Albers - M. Rimböck - C. Widow, Neue Forschung zum korinthisch-dorischen Tempel am Forum von Paestum. Bericht der Vorkampagne 2017, KuBA 7, 2017, 75–90
Prof. Dr. Jon Albers (Bonn/Bochum)
Institut für Archäologische Wissenschaften
Ruhr-Universität Bochum, Am Bergbaumuseum 31, 44791 Bochum
Tel.: 0234 / 32-28528
e-mail: jon.albers@rub.de / jon.albers@uni-bonn.de
Stellvertretende Projektleitung
Claudia Widow M.A.
Institut für Archäologie und Kulturanthropologie
Universität Bonn, Römerstraße 164, 53117 Bonn
e-mail: cwidow@uni-bonn.de
Dr. Anna Bertelli (seit 2021)
Clarissa Haubenthal M.A. (2021)
Anna-Lisa Schneider B.A. (2022)
Vermessung, Luftbilder und Archäoinformatik
Dr. Barbora Weissová (2021)
Marc Klauß B.A. (ab 2022)
Fundbearbeitung
Miriam Rimböck M.A. (2017/19)
Theresa Rafflenbeul M.A. (ab 2021)
Bauornamentik
Lucas Luigi Latzel M.A. (2019-2022)
Claire Dohmen M.A. (seit 2023)
Teilnehmer*innen
2017: Florian Birkner, Stefanie Herten, Stefanie Holzem (Vermessung), Annabelle Walter, Ferdinand Wulfmeier
2019: Antonia Becker, Georgy Chekalov, Lina Etzelmüller, Anna Jochheim, Jan-Philipp Lenk, Jakob Matyschok, Leonie Nolte, Svenja Oebel, Tim Teufel, Johannes Todtberg
2021: Eireen Bachmann, Stella Becker, Johanna Brenneke, Claire Dohmen, Lilly Eckhoff, Jan-Philipp Lenk, Sophie Peintinger, Tim Teufel und Věra Doležálková (Zeichnerin)
2022: Damaris Axmann, Sina Blecher, Claire Dohmen, Lennart Fütterer, Bejamin Gronwald, Hanna Merk, Simon Prinz, Nicola Reß, Ira Victoria Schwabenland, Dina Schwarz, Tim Teufel, Kader Tokul, Jonas Tilahun, Stefan Ullrich, und Fee Wirges
2023: Talina Albrecht, Margarida Alvega Cerejo, Sarah Fabienne Beermann, Lilly Johanna Eckhoff, Cara Felicia Klein-Raufhake, Zakary Storm Müller, Niklas Packlin, Nicola Reß, Lara-Maria Schneider, Enya Schröer, Niklas Schuller, Sarah Schulte, Dina Schwarz und Anja Wolf
2024: Özlem Badar, Lea Ronja Bartusch, Benjamin Gronwald, Lea-Sofie Grünschläger, Melike Kazan, Alicia Potz, Kalista Sajnovic, Niklas Schuller, Dina Schwarz, Selen Türkel, Simon Oskar Wehrle.
2025: Özlem Badar, Lea Ronja Bartusch, Zoan-Eren Ercetin, Benjamin Gronwald, Lea-Sofie Grünschläger, Melike Kazan, Alicia Potz, Kalista Sajnovic, Niklas Schuller, Dina Schwarz, Selen Türkel, Simon Oskar Wehrle.
- Dr. Tiziana d’Angelo, Dr. Gabriel Zuchtriegel, Parco e Museo Archeologico di Paestum e Velia
- Dr. Giovanni Avagliano, Dr. Francesco Uliano Scelza, Dr. Daniele Rosetti, Dr. Teresa Marino, Dr. Silvio Leone (Parco e Museo Archeologico di Paestum)
- Prof. Dr. Fausto Longo, Università di Salerno
- Prof. Dr. Dominik Maschek, Universität Trier
- Abteilung Klassische Archäologie, Universität Bonn (2017)
- Institut für Archäologische Wissenschaften, Universität Bochum (seit 2019)
- Deutsche Forschungsgemeinschaft (seit 2026)