Die Apsis im konstantinischen Kirchenbau: Gestaltungsvielfalt und architektonische Konzepte des frühen Kirchenbaus
Die Apsis entwickelte sich im konstantinischen Kirchenbau zu einem zentralen architektonischen Raum in der neu entstehenden christlichen Sakralarchitektur, deren Gestalt jedoch keineswegs einheitlich oder festgelegt war. Die erhaltenen Befunde zeigen eine bislang unterschätzte Vielfalt möglicher architektonischer Ausformungen. Ziel des Dissertationsprojekts ist es, diese frühen Gestaltungsoptionen der Apsis systematisch zu untersuchen und ihre Entwicklung im Kontext der konstantinischen Sakralarchitektur neu zu bewerten.
Ausgangspunkt der Untersuchung bilden neue archäologische Befunde aus der konstantinischen Bischofskirche in Ostia. Während der ersten Grabungskampagne konnte im Apsisbereich eine außergewöhnliche bauliche Situation dokumentiert werden: Im nordwestlichen Bereich – an der Schnittstelle zwischen Apsis und Außenmauer – trat eine vorspringende Mauerzunge zutage, die durch eine klare Baufuge deutlich von der später eingezogenen Apsissehne getrennt ist. Die Mauerzunge bindet in das Mauerwerk des Mittelschiffs ein und lässt sich aufgrund stratigraphischer Untersuchungen sowie der Keramikfunde sicher in die konstantinische Zeit datieren. Die symmetrisch gegenüberliegende zweite Mauerzunge ist infolge eines späteren Zerstörungsereignisses nur partiell erhalten, kann jedoch in ihren ursprünglichen Ausmaßen zuverlässig rekonstruiert werden. Da beide Mauerzungen im Fundamentbereich liegen, ist davon auszugehen, dass sie eine darüberliegende, heute verlorene architektonische Struktur trugen, die den Apsisraum auf besondere Weise fasste und gliederte.
Auf Grundlage dieses Befundes eröffnen sich mehrere plausible Rekonstruktionsmöglichkeiten für die ursprüngliche Gestaltung der Apsis in Ostia. Denkbar ist etwa eine Lösung mit mehreren Stützen, die den Apsisraum stärker vom Langhaus abgrenzte. Ebenso kommt eine rahmende Architektur in Betracht, deren Parallelen eher in spätantiken profanen Repräsentationsräumen als in bekannten konstantinischen Kirchen zu suchen sind. Der Befund von Ostia macht damit deutlich, dass die architektonische Ausformung der Apsis in der konstantinischen Zeit experimenteller und variabler gewesen sein könnte als bislang angenommen.
Von diesem Fallbeispiel ausgehend erweitert die Dissertation den Blick auf die konstantinischen Kirchen in Rom und seinem Umland. Zugleich werden für Ostia selbst weitere, später datierende Kirchen im lokalen Umfeld einbezogen, die wichtige Vergleichsmöglichkeiten für die Entwicklung und Ausgestaltung des Apsisraums bieten. Durch den systematischen Vergleich archäologischer Befunde, Bauformen und Raumkonzepte soll rekonstruiert werden, welche Gestaltungsmodelle für die Apsis im frühen Kirchenbau zur Verfügung standen und wie sie sich im Spannungsfeld zwischen sakraler Tradition, profanen Vorbildern und neuen liturgischen Anforderungen positionieren lassen. Ziel ist es, die Apsis nicht nur als festes Element frühchristlicher Architektur zu verstehen, sondern als dynamischen Gestaltungs- und Bedeutungsraum, dessen frühe Entwicklung bislang nur unzureichend erfasst wurde.
Laufzeit: Seit 2023
Betreuung: Prof. Dr. Sabine Feist und Prof. Dr. Sible de Blaauw
H. Boes, Ravennatic, Neapolitan and now Roman? The study of a new constantinian apse type in Rome, in: G. Spadanuda - F. Stilo (Hrsg.), RACTA III 2024: Ricerche di Archeologia Cristiana, Tarda Antichità e Alto Medioevo. III Colloquio Internazionale tra dottorandi e dottori di ricerca Roma 5-7 febbraio 2024 (Bicester 2025) 150 – 158.
S. Feist – M. Heinzelmann – N. Zimmermann – E. Borgia – H. Boes – A. Schröder – M. Elefante – A. Troiani – F. Russo, La chiesa episcopale costantiniana di Ostia. Rapporto preliminare della prima campagna di scavo 2023, RBelgPhilHist 103, 2025, 131 – 152.
S. Feist – M. Heinzelmann – N. Zimmermann – E. Borgia – H. Boes– A. Schröder – M. Elefante – A. Troiani – F. Russo, New Insights into the Building Design and Construction Phases of the Constantinian Bishop’s Church at Ostia. Results from the Initial Excavation, 2023, RM 130, 2024, 206 – 236.
S. Feist – M. Heinzelmann – N. Zimmermann – E. Borgia – H. Boes– A. Schröder – M. Elefante – A. Troiani – F. Russo, Die konstantinische Bischofskirche von Ostia. Vorbericht zur ersten Grabungskampagne 2023, KuBA 13, 2023, 163 – 181.