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Priene. Wohnen in einer hellenistisch-griechischen Stadt

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Abb. 1: Blick von der Mäander-Ebene nach Norden in Richtung Mykale-Gebirge. Unterhalb des schroffen Felsklotzes das Siedlungsareal Prienes © F. Rumscheid

Der kleine Staat Priene lag auf dem Festland der antiken Landschaft Ostionien, da, wo sich heute der mittlere Teil der türkischen Westküste erstreckt. Das städtische Zentrum dieses an sich erheblich älteren Staates wurde erst im mittleren 4. Jh. v. Chr. an die heute bekannte Stelle auf einem Südabhang des Mykale-Gebirges am Rande des Mäander-Deltas verlegt (Abb. 1). Die Neuanlage folgte einem Planraster, das die öffentlichen Bereiche ebenso umfasste wie die Wohnquartiere. Obwohl der Platz bis ins 14. Jh. n. Chr. besiedelt blieb, gilt Priene als hervorragend erhaltenes Beispiel einer spätklassisch-hellenistischen Stadt, da ihre Strukturen, nachdem sie einmal entstanden waren, nur noch relativ wenig verändert wurden.

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Abb. 2: Priene. Ansicht der Wohnviertel von Westen nach der Ausgrabung von 1895 bis 1899 (aus Priene [1904] Taf. 5) 

Dies war schon nach den großflächigen Grabungen zu erkennen, die die Berliner Museen 1895 bis 1899 in Priene durch Carl Humann und später Theodor Wiegand und Hans Schrader hatten durchführen lassen. Sie waren damals vor allem westlich des zentralen Platzes, der Agora, auf Wohnbebauung gestoßen (Abb. 2) und hatten darin reiche Funde gemacht, die in einer Katastrophenschicht eingebettet waren. Neuerdings erst ist klar geworden, dass es sich bei der Katastrophe um kein kriegerisches Ereignis handelte, sondern dass ein Erdbeben gegen etwa 140/30 v. Chr. die Katastrophe verursachte. Damals waren aus offenem Feuer Brände entstanden, die einen Großteil der Stadt erfassten, vor allem aber lösten sich riesige Felsbrocken von der Steilwand des Akropolis-Felsens oberhalb des Stadthangs und richteten große Schäden an. Die Priener bauten daraufhin den westlichen Teil ihrer Stadt nicht wieder auf, der so mitsamt seiner Zerstörungsschicht bis zur Ausgrabung weitgehend ungestört blieb.

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Abb. 3: Priene. Bergen der Funde aus der Zerstörungsschicht des Lampon-Hauses © W. Raeck

Nach ersten Nachuntersuchungen 1998 bis 2000 im Bereich des sog. Hauses 33 (s. Abb. 5), das dem Stadtzentrum relativ nahe liegt und daher nach der Katastrophe weitergenutzt wurde, begann 2001 bis 2004 ganz im Nordwesten der Stadt nahe der Stadtmauer in der Insula D2 (s. Abb. 5) die Ausgrabung eines bis dahin unangetasteten Hauses, des sog. Lampon-Hauses, wie es nach der Signatur einer dort gefundenen Formschüssel für Reliefkeramik genannt wird. Nachdem 2008 und 2009 die Grabung von Klassischen Archäologen der CAU Kiel fortgesetzt wurde, werden die Arbeiten seit 2010 von der Abteilung Klassische Archäologie der Universität Bonn mit dem Ziel weitergeführt, das Haus vollständig zu erfassen. Anders als bei der schnellen Freilegung ein Jahrhundert zuvor werden diesmal die umfangreichen Rauminventare so detailliert wie möglich dokumentiert, so dass nicht nur Rückschlüsse auf die Fundzusammenhänge der Altfunde möglich werden, sondern auch Erkenntnisse zur Datierung unterschiedlichster Fundgattungen gewonnen werden (Abb. 3). Vor allem aber läßt sich, wenn Grabung und Auswertung einmal abgeschlossen sind, mehr zu den Funktionen der Räume wie der in ihnen benutzten Gegenstände sagen. Dies wird letztlich zu wertvollen, neuen Einblicken in die hellenistische Wohnkultur an sich führen.

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Abb. 4: Priene. Prostas-Haus 32 auf Grundstück ursprünglicher Größe (vgl. Abb. 5) © F. Rumscheid

Schon Wiegand und Schrader hatten erkannt, dass der Stadtplan auf einem Raster aus Rechtecken beruht, zwischen denen Platz für ostwestlich verlaufende Straßen und nordsüdliche Gassen freigelassen ist. Bei der Neuanlage Prienes waren diese Rechtecke, die insulae, in acht gleichgroße, langschmale Grundstücke von 208 m² Grundfläche aufgeteilt worden, wie eine erstmals 1986 veröffentlichte Analyse des Stadtplans durch die Bauforscher Wolfram Hoepfner und Ernst-Ludwig Schwandner ergeben hat. Dem Schnitt und der Größe der Parzellen bestens angepasst und daher typisch für Priene ist ein sogenanntes Prostashaus mit Räumen südlich und nördlich eines Hofes (vgl. Abb. 4). Die nördliche Raumgruppe, die ein Obergeschoss besitzen konnte, bestand aus einer Vorhalle, der Prostas, von der man geradeaus in den Hauptwohnraum, den Oikos, und seitlich in den Symposion-Raum, den Andron gelangte. Neben dem Oikos lag noch ein Nebenraum. Hoepfner und Schwandner brachten die vielbeachtete These auf, die Gleichheit der Bürger in einer demokratischen Gesellschaft habe in der ersten Zeit des neu nach einem regelmäßigen Gesamtplan angelegten Priene zu stets gleichen ,Typenhäusern’ nach der Art des beschriebenen Prostashauses führen müssen, und glaubten, diese These am Befund auch nachweisen zu können.

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Abb. 5: Priene. Ausgegrabene Bereiche westlich der Agora. Lampon-Haus hellblau, Gebiet des Häuser-Surveys 2008 und 2009 lila, des Häuser-Surveys 2010 grün markiert © F. Rumscheid

Um dies zu überprüfen und um herauszufinden, wie sich die Wohnstrukturen in den etwa zwei Jahrhunderten von der Neuanlage Prienes bis zur Erdbebenkatastrophe veränderten, erforschten 2008 und 2009 Klassische Archäologen der CAU Kiel und untersuchen seit dem Sommer 2010 Klassische Archäologen der Universität Bonn ergänzend zur Ausgrabung des Lampon-Hauses erneut die Wohninsulae, die schon von der alten Grabung freigelegt worden waren (Abb. 5). Sie werden gereinigt, um sie dann neu zu vermessen sowie in ihrem baulichen Befund und ihrer Ausstattung genau zu dokumentieren (vgl. Abb. 6). Weiterhin werden durch gezielte Sondagen zusätzliche Informationen zu Abfolge, Aussehen und Datierung der einzelnen Bauphasen gewonnen. Wie sich schon jetzt vielerorts abzeichnet, errichteten die Bürger auf den Grundstücken, die durch Los verteilt worden sein dürften, erst nach und nach ihre Wohnhäuser, ohne dass es einen Bebauungszwang gegeben zu haben scheint. Obwohl sich die Priener anfangs an die ursprüngliche Parzellierung hielten, folgte schon die Erstbebauung keineswegs immer dem typischen Grundriss mit Vierraumgruppe im Norden. Später verschoben sich dann auch die Parzellengrenzen, und es kam zu differenzierten Grundstücksgrößen, die deutlich unter, aber auch deutlich über den ursprünglichen liegen konnten.

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Abb. 6: Treppengasse zwischen den Wohn-Insulae F5 und F6 © Priene-Archiv

Die Forschungen in Priene finden im Auftrag der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts statt, die auch für einen großen Teil der Infrastruktur sorgt. Die genannten Untersuchungen wurden bis 2007 von der FU Berlin aus durchgeführt im Rahmen der Gesamtunternehmung, deren Leitung von Wolf Koenigs (TU München) auf Wulf Raeck (Universität Frankfurt a. M.) übergegangen ist. Seit 2006 werden die Forschungen hauptsächlich über das Projekt ,Interdependenzen urbanistischer Veränderungen im hellenistischen Priene’ im DFG-Schwerpunktprogramm 1209 ,Die hellenistische Polis als Lebensform. Urbane Strukturen und bürgerliche Identität zwischen Tradition und Wandel’ finanziert. Innerhalb dieses Gemeinschaftsprojektes sind seit 2008 die Frankfurter Archäologen (Leitung W. Raeck) für den öffentlichen Raum zuständig. Die Untersuchung des privaten Raumes wird, nachdem sie 2008 und 2009 von der Klassischen Archäologie der CAU Kiel aus vorangetrieben worden ist, seit 2010 von den Klassischen Archäologen der Universität Bonn (Leitung jeweils F. Rumscheid) fortgesetzt.

 

Literatur zum Wohnen in Priene:

  • Th. Wiegand – H. Schrader u. a., Priene. Ergebnisse der Ausgrabungen und Untersuchungen in den Jahren 1895–1898 (Berlin 1904) 285–468.
  • W. Hoepfner – E.-L. Schwandner, Haus und Stadt im klassischen Griechenland² (München 1994) 188–225.
  • F. Rumscheid, Luxusböden für besondere Räume: Neues zu Kieselmosaiken in Priene, IstMitt 47, 1997, 221–230.
  • F. Rumscheid, Priene. Führer durch das "Pompeji Kleinasiens" (Istanbul 1998) 86–105.
  • W. Hoepfner in: W. Hoepfner (Hrsg.), Geschichte des Wohnens. 5000 v. Chr. – 500 n. Chr. Vorgeschichte – Frühgeschichte – Antike (Ludwigsburg 1999) 338–351.
  • F. Rumscheid, Vorbericht über die Ausgrabungen der Jahre 1999 bis 2002 im nordwestlichen Wohnviertel von Priene, in: W. Raeck u. a., Priene. Neue Forschungen an einem alten Grabungsort, IstMitt 53, 2003, 349–373.
  • F. Rumscheid, Die figürlichen Terrakotten von Priene. Fundkontexte, Ikonographie und Funktion in Wohnhäusern und Heiligtümern im Licht antiker Parallelbefunde, Priene 1, AF 22 (Wiesbaden 2006).
  • J. Rumscheid – F. Rumscheid, Statt Nachkaufgarantie? Vier Formschüsseln aus dem späthellenistischen Zerstörungshorizont des Lampon-Hauses in Priene, in: E. Öztepe – M. Kadıoğlu (Hrsg.), PATRONVS. Coşkun Özgünel’e 65. Yaş Armağanı / Festschrift für Coşkun Özgünel zum 65. Geburtstag (Istanbul 2007) 315–328.
  • F. Rumscheid, Ein in situ entdecktes Kohlenbecken aus dem Haus des Lampon in Priene. Neues zur Verwendung, Chronologie, Typologie und technischen Entwicklung hellenistischer Kohlenbecken, in: İ. Delemen – S. Çokay-Kepçe – A. Özdizbay – Ö. Turak (Hrsg.), Euergetes. Prof. Dr. Haluk Abbasoğlu’na 65. Yaş Armağanı / Festschrift für Prof. Dr. Haluk Abbasoğlu zum 65. Geburtstag II (Istanbul 2008) 1077–1090.
  • F. Rumscheid, Fragen zur bürgerlich-hellenistischen Wohnkultur in Kleinasien, in: S. Ladstätter – V. Scheibelreiter (Hrsg.), Städtisches Wohnen im östlichen Mittelmeerraum, 4. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr., Akten des internationalen Kolloquiums vom 24.–27. Oktober 2007 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Wien 2010) 119–143.
  • Zu den Forschungen seit 1998 s. auch die auf Deutsch und Türkisch verfassten, jährlichen Vorberichte in den Bänden der Kazı Sonuçları Toplantısı (KST) von Band 21 (Ankara 2000) an.

 

 

Kontakt:
 

Prof. Dr. Frank Rumscheid
Institut für Kunstgeschichte und Archäologie der Universität Bonn
Abt. Klassische Archäologie
Am Hofgarten 21
D-53113 Bonn

Tel.: +49-228-73 77 34
E-Mail: f.rumscheid(at)uni-bonn.de

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