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BMBF-Verbundprojekt „SiSi“: Sinnüberschuss und Sinnreduktion von, durch und mit Objekten. Materialität von Kulturtechniken zur Bewältigung von Außergewöhnlichem

 

 

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BMBF-Verbundprojekt „SiSi“: Sinnüberschuss und Sinnreduktion von, durch und mit Objekten. Materialität von Kulturtechniken zur Bewältigung von Außergewöhnlichem


Ziele des Verbundvorhabens

Das Verbundprojekt SiSi untersucht wie Menschen den Bedeutungsüberschuss von Dingen nutzten und nutzen, um in außergewöhnlichen Situationen Sinn und Handlungsorientierung zu finden. Der Fokus liegt auf der Krisenbewältigung innerhalb unterschiedlicher Kulturen, die sowohl zeitlich als auch geographisch eine große Spanne umfassen. Rituale, in die Objekte eingebunden wurden, um ihnen eine schützende Wirkung abzugewinnen, werden ebenso untersucht wie die Prozesse, durch die Dinge zum materialisierten schlechten Omen wurden.

Der interdisziplinäre Forschungsverbund umfasst die Ägyptologie, Altamerikanistik/ Ethnologie, Medizingeschichte sowie Psychiatrie/ Mad Studies. Die jeweiligen Fallstudien befassen sich mit altägyptischen Heka-Praktiken, amerindischen chaquiras, Geräten zur „Nervenberuhigung“ um 1900 sowie höchst individuell gewählten Dingen in persönlicher Krisenbewältigung. Dabei soll nicht nur der Zusammenhang von verschiebbaren Ding-Bedeutungen und erlebten Handlungsmöglichkeiten der Menschen in den verschiedenen Kulturen besser verstanden werden, sondern auch Chancen und Grenzen der Anwendung von interdisziplinären Theorien oder empirischen Arbeiten verallgemeinernd zur Diskussion stehen.

 

Förderung und Struktur

Das Verbundprojekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Förderprogramm „Sprache der Objekte“ mit einer dreijährigen Laufzeit (2018 bis 2021) finanziert.

Es setzt sich aus der Universität Bonn mit der Abteilung für Ägyptologie und der Abteilung für Altamerikanistik/ Ethnologie (sowie deren universitären Sammlungen: Ägyptisches Museum und BASA), der Universität Düsseldorf mit der Medizingeschichte und der Medizinischen Hochschule Brandenburg mit der Psychiatrie/ Mad Studies zusammen. Das Teilprojekt der Ägyptologie steht unter der Leitung von Prof. Dr. Ludwig Morenz und wird von Annika Felten, M.A. bearbeitet.

 

Das Teilprojekt der Ägyptologie: Heka-Objekte

Das Teilprojekt der Ägyptologie fokussiert sich auf die altägyptischen „Heka-Objekte“ des Ägyptischen Museums der Universität Bonn sowie die Rituale und Praktiken, in denen diese Heka-Objekte verwendet wurden. Der kaum angemessen übersetzbare ägyptische Begriff Heka bezeichnet eine Praktik, die im supplementären Verhältnis von „Magie“ und Religion stand. Sie war gesellschaftlich im antiken Niltal kein Randphänomen, sondern eine akzeptierte Kulturtechnik, die im Rahmen des gesellschaftlichen Sinnsystems angewendet werden sollte. Als eine „Kulturtechnik zur Bewältigung von Außergewöhnlichem“ umfasste sie alle Handlungen, mit denen die Menschen versuchten, die Unwägbarkeiten ihres Alltags aktiv zu beeinflussen (zum Beispiel die Liebe, Krankheiten, das Schicksal oder die Bewältigung des Todes).

Wie schon in der altägyptischen Weisheitslehre für Merikare beschrieben, wurde Heka den Menschen von den Göttern gegeben, um „den Schlag der Geschehnisse abzuwehren“. Heka gab den Menschen also eine gewisse Handlungsfähigkeit, um Schlechtes abzuwenden und Gutes zu erschaffen. Dabei waren die Aktionen „Reden“ und „Handeln“ wichtig. Nur durch den Sprechakt – wie beispielsweise das Rezitieren eines magischen Spruches – und einer unterstützenden Handlung konnte das erwünsche Resultat eintreten.

Während des Projekts werden dazu die zahlreichen Heka-Objekte des Ägyptischen Museums der Universität Bonn bearbeitet, die unter anderem Amulette, „magische“ Papyri und scheinbar einfache Alltagsgegenstände umfassen. Die prominentesten Beispiele für Heka-Objekte aus unserem Museum sind die Udjat-Augen-Amulette: Das Udjat-Auge, oder auch Horusauge genannt, ist seit dem Alten Reich bis über die Römerzeit hinaus eines der beliebtesten Schutzamulette in ganz Ägypten und über dessen Grenzen hinaus gewesen. Es verkörpert das Auge des falkenköpfigen Gottes Horus und ist als Amulett in zahlreichen Formen und Materialien wie beispielsweise Granit, Karneol, Lapislazuli und Fayence hergestellt worden. Die Ösen an den Amuletten zeigen, dass sie im Alltag getragen wurden, aber auch im Totenkult fanden sie ihre Verwendung: So wurden sie u.a. auf Mumien gelegt, um die Verstorbenen im Jenseits zu schützen. Die vielfache Nutzung beruhte auf der Symbolik des Udjat-Auges, welche vor allem durch den mythisch-religiösen Wettstreit zwischen den Göttern Horus und Seth geprägt wurde. Das Auge des Horus wurde während eines Kampfes der beiden Gottheiten schwer verletzt, konnte jedoch durch den Gott Thot mittels Heka geheilt werden. Infolgedessen stand das Horusauge als universales Amulett für Heilung, Lebenskraft und allgemein für den Schutz gegen böse Mächte.

 

Udjat-Auge

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